Sonderpreis des Westfälischen Friedens für Margot Friedländer

Lokalzeit Münsterland 03.04.2025 02:33 Min. Verfügbar bis 03.04.2027 WDR Von Simon Lenartz

"Seid Mensch!": Margot Friedländer im WDR-Interview

Stand: 04.04.2025, 10:45 Uhr

Als eine der letzten Holocaust-Überlebenden kämpft Margot Friedländer auch im Alter von 103 Jahren unermüdlich gegen Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit. Dafür hat sie auf der Westfälischen Friedenskonferenz heute in Münster einen Friedenspreis erhalten.

Margot Friedländer ist vor allem auch jungen Menschen als Aufklärerin bekannt. Sie geht in Schulen, erzählt aus ihrem Leben, was sie und ihre jüdische Familie unter der Herrschaft der Nazis erleiden mussten.

Margot Friedländer wurde 1921 in Berlin geboren. 1944 wurde sie in das Konzentrationslager Theresienstadt deportiert. Den Holocaust überlebte sie als Einzige in ihrer Familie. Ihre Mutter und ihr Bruder wurden in Auschwitz ermordet.

Nach Ende des Krieges ging Friedländer mit ihrem Mann nach New York. 2010 kehrte sie fast 90-jährig in ihre Geburtsstadt Berlin zurück. Seitdem ist Margot Friedländer unermüdlich im Einsatz gegen Antisemitismus und für Mitmenschlichkeit. Dafür ist die inzwischen 103-Jährige vielfach ausgezeichnet worden, unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse.

WDR: Wie blicken Sie gerade auf die Welt?

Eine Dame sitzt im Rollstuhl

Margot Friedländer bei der Westfälischen Friedenskonferenz in Münster

Margot Friedländer: Sie wissen ja, dass ich zurückgekommen bin, um mit euch zu sprechen, euch die Hand zu reichen, euch zu bitten, vorsichtig zu sein, dass das nie wieder passiert, dass nicht ein einziger Mensch auch nur einen Tag so etwas erleben muss, was damals geschehen ist. Das ist meine Mission. Ich spreche nicht nur für die, die es nicht geschafft haben. Ich spreche nicht nur für die Juden, sondern für alle Menschen, unschuldige Menschen. Ein Mensch ist ein Mensch. Wir sind alle gleich.

WDR: Was denken Sie, wenn Sie auf die Welt blicken, so wie sie jetzt ist, mit Rechtsruck, mit Autokraten, die regieren? Macht Ihnen das Sorge?

Friedländer: Ich hoffe, dass die Menschen klüger werden, dass sie Menschen als Menschen ansehen, was immer sie sind, unabhängig von Hautfarbe und Religion.

WDR: Wie wichtig ist es, auch gerade die jungen Menschen aufzuklären?

Friedländer: So hat es angefangen. Ich hatte eigentlich gute Erfolge. Ich habe wahrscheinlich tausend Danksagungen von jungen Menschen bekommen. Die schreiben mir: "Ich habe Sie gehört. Auf mich können Sie sich verlassen."

WDR: Woher nehmen Sie die Kraft, immer wieder aufs Neue auf die Bühnen zu gehen, mit den Menschen zu sprechen?

Friedländer: Die Frage wird mir immer wieder gestellt und ich sage: Ihr helft mit, dass ich es machen kann. Denn ihr hört mich an. Ich kann es euch erklären, Mensch zu sein vom Herzen. Ich will nichts weiteres als euch zu bitten: Seid Mensch! Das gibt mir Kraft und Hoffnung. Wenn wir nicht sprechen, wer tut es dann? Deshalb hoffe ich, ihr tragt es weiter.

WDR: Das ist Ihnen eine Herzensangelegenheit, oder?

Friedländer: Ja, das ist kein Muss. Ich tue es nur für euch.

Das Interview führte Alexa Schulz für die Aktuelle Stunde. Für die Online-Version wurde das Gespräch gekürzt und sprachlich angepasst.