Die britische Miniserie "Adolescence" über einen Teenager, der seine Mitschülerin ermordet, bricht alle Rekorde. Am Mittwoch zählte der Streaminganbieter Netflix bereits 100 Millionen Abrufe für den Serienhit, der seit der Erstausstrahlung vor drei Wochen eine rege Diskussion über toxische Männlichkeit, Frauenhass und die Manipulation von Kindern und Jugendlichen im Internet ausgelöst hat.
Im Zentrum der Handlung steht der 13-jährige Jamie Miller (Owen Cooper), der seine Mitschülerin erstochen hat. Nach und nach zeigt sich, dass es durchaus eine Erklärung für die unfassbare Tat gibt. Jamie hat sich im Internet radikalisiert, speziell ist er mit der sogenannten Incel-Bewegung in Berührung gekommen, die sich vor allem durch gekränkte Männlichkeit und Frauenhass definiert.
Serie kommt auf den Lehrplan
Wohl angesichts dessen, dass die Zahl der Messerangriffe in britischen Schulen steigt, hat nun auch die Politik die Miniserie entdeckt. Sie soll in allen Sekundarschulen in Großbritannien gezeigt werden. Das teilte Premierminister Keir Starmer am Montag mit.

Keir Starmer
Mit der Schulinitiative will die britische Regierung nun erreichen, dass möglichst viele Schülerinnen und Schüler im Alter von elf bis 18 Jahren die Serie sehen und anschließend darüber diskutieren. Dies sei "von entscheidender Bedeutung, wenn wir sie bei der Bewältigung der aktuellen Herausforderungen und beim Umgang mit schädlichen Einflüssen angemessen unterstützen wollen", sagte Starmer.
Dass Filme ausdrücklich aus pädagogischen oder erzieherischen Gründen gezeigt werden, sei auch in deutschen Schulen durchaus üblich, meint Caroline Lensing, Gymnasiallehrerin in Neuss. Einen echten Kanon gebe es hier allerdings nicht, die Auswahl träfen meist die Lehrer und Lehrerinnen vor Ort.
Auch "Die Welle" wurde häufig im Klassenzimmer gezeigt
Sowohl in den 80ern als auch in den 2000ern wurden Verfilmungen des Buches "Die Welle" in Schulen gezeigt und anschließend in den Klassenräumen darüber diskutiert. Darin geht es um einen Geschichtslehrer, der seine Schüler im Rahmen eines psychologischen Experiments in willenlose Befehlsempfänger verwandelt und ihnen so deutlich macht, wie verführerisch Faschismus auf junge Menschen wirken kann.
Inzwischen sei "Die Welle" ihres Wissens in den meisten Schulen kein Thema mehr, meint Lensing. "Obwohl man angesichts der politischen Situation nochmal darüber nachdenken sollte."
Ob "Adolescence" auch etwas für den deutschen Unterricht sein könnte, daran habe sie aber Zweifel.
Denn die Mobbing-Kultur, die in dem Film thematisiert werde, sei in Großbritannien anders ausgeprägt als in Deutschland. Auch der jugendliche Medienkonsum, um den es in der Serie ebenfalls geht, werde in Großbritannien viel hemmungsloser ausgelebt. "Ich persönlich würde eher einen Film auswählen, der sich klar auf die konkreten Lebenssituation meiner Schüler und Schülerinnen bezieht."
Schüler reflektieren durch Protagonisten eigenes Verhalten

Thomas Köhler
"So ein Film kann ein Lern- und Trainingsort sein", meint auch Thomas Köhler, Professor für Bildungstechnologie an der Technischen Universität Dresden, im Gespräch mit dem WDR. Schüler könnten sich mit den Protagonisten identifizieren und so Rückschlüsse auf ihr eigenes Verhalten ziehen. Manche merkten auch, dass ihr eigenes Verhalten in einer vergleichbaren Situation nicht in Ordnung gewesen ist.
Allerdings gebe es auch seltene Fälle, in denen sich Jugendliche von solchen negativen Darstellungen sogar angezogen fühlten, meint Köhler. Problematisch sei auch, wenn einzelne sensible Schüler durch solche Filme traumatisiert werden. "Das ist dann therapiebedürftig. Normalerweise sind die Kinder bei den Pädagogen aber gut aufgehoben."
Unsere Quellen:
- WDR-Interviews mit Caroline Lensing und Thomas Köhler
- Agenturen Agence France Press und Reuters
- Netflix