Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen
Aktuelle Stunde . 02.04.2025. 37:16 Min.. Verfügbar bis 02.04.2027. WDR. Von Katharina Spreier.
Kriminalität: Mehr Gewaltverbrechen von Kindern und Jugendlichen
Stand: 02.04.2025, 17:50 Uhr
Die Kriminalitätsstatistik 2024 ist vorgestellt worden: Gewaltdelikte bei Minderjährigen sind demnach angestiegen.
Die Gewaltkriminalität bei Kindern und Jugendlichen ist im Jahr 2024 stark angestiegen. Das geht aus der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) für das Jahr 2024 hervor, die Bundesinnenministerin Nancy Faeser (SPD) heute Morgen vorgestellt hat.
Demnach gab es bei Kindern 11,3 Prozent mehr Tatverdächtige (13.755), bei Jugendlichen waren es 3,8 Prozent mehr (31.383). Was ist der Grund für mehr Taten von Minderjährigen? Der Anstieg psychischer Belastungen sei ein Aspekt, der es mit "anderen ungünstigen Faktoren" wahrscheinlicher mache, dass jemand Täter werde, heißt in der Kriminalstatistik.
Weniger Straftaten, mehr Gewaltdelikte
Zwar ging die Zahl der registrierten Straftaten laut PKS im Vergleich zum Vorjahr um 1,7 Prozent auf etwa 5,83 Millionen Fälle zurück. Diese Entwicklung sei aber im Wesentlichen auf die Teillegalisierung von Cannabis zum 1. April 2024 zurückzuführen.
Gewaltdelikte nahmen dagegen zu - um 1,5 Prozent. Bundesweit gab es mehr als 217.000 angezeigte Gewalttaten. Das ist der höchste Stand seit 2007.
Statistik erfasst jetzt auch Einsatz von Messern
Bei 6,3 Prozent der vollendeten Gewalttaten - dazu zählen unter anderem Mord, Totschlag, Vergewaltigung und gefährliche Körperverletzung - wurde ein Messer benutzt oder damit gedroht. Um sechs Prozent zugenommen hat im vergangenen Jahr die Zahl der Fälle, in denen mit Schusswaffen gedroht wurde.
In 4.687 Fällen wurde laut PKS mit einer Schusswaffe geschossen - plus 1,9 Prozent. Die Zahl der deutschen Tatverdächtigen bei Gewalttaten stieg im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent, bei den nichtdeutschen Tatverdächtigen gab es eine Zunahme um 7,5 Prozent. Allerdings weist das Bundeskriminalamt darauf hin, dass auch der Anteil der Ausländer an der Bevölkerung im Lauf des Jahres zugenommen hat. Studien zeigen zudem, dass Menschen eine Tat eher zur Anzeige bringen, wenn sie vermuten, dass der mutmaßliche Täter ein Ausländer ist.
Mehr Wirtschaftskriminalität
Keinen allgemeinen Trend kann man laut BKA aus der starken Zunahme von Fällen im Bereich der Wirtschaftskriminalität ablesen. Hier stieg die Zahl der Fälle im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 57 Prozent auf rund 22.400 Fälle an. Grund dafür sei der Abschluss zum Teil mehrjähriger Ermittlungen in Sammelverfahren mit einer Vielzahl von Geschädigten, heißt es in den Erläuterungen zur Statistik.
Und was ist mit NRW?

NRW-Innenminister Reul (CDU)
In NRW gibt es ein ähnliches Bild. Insgesamt ging die Kriminalität zurück, in einigen Bereichen aber stieg sie an. 53,5 Prozent der Straftaten konnten hier aufgeklärt werden. Bundesweit lag die Aufklärungsquote mit 58 Prozent wohl etwas höher als in NRW. Die Polizeiliche Kriminalstatistik 2024 in NRW wurde schon vor knapp drei Wochen von NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) vorgestellt.
In den Bereichen Diebstahl, Raub und Waren- und Warenkreditbetrug ging die Kriminalität zurück. Einen Anstieg gab es in den Bereichen Einbruch, Körperverletzung sowie Cybercrime zu verzeichnen. Ebenfalls gestiegen sind die registrierten Fälle, in denen ein Messer als Tatmittel eingesetzt bzw. damit gedroht wurde. Hier stieg die Zahl um 20 Prozent auf 7.295 Fälle.
Reul sagte der 'Welt am Sonntag': "Was an anderer Stelle nicht klappt, Erziehung, Schule, Integration, landet am Ende bei der Polizei. Heißt auch, die Statistik spuckt aus, wie es um unsere Gesellschaft - um uns - steht."
Was man über Kriminalstatistiken wissen muss
Die Kriminalstatistiken registrieren ausschließlich Fälle, die bei der Polizei angezeigt, bearbeitet und an die Staatsanwaltschaft weitergegeben wurden. Sie behandeln also keine Täter, sondern Tatverdächtige. Diese Unterscheidung ist wichtig, weil längst nicht jeder Verdächtige am Ende verurteilt wird: Laut Zahlen des Statistischen Bundesamtes wurden im Jahr 2023 59 Prozent aller Ermittlungsverfahren eingestellt.
Die PKS beschäftigt sich ausschließlich mit dem "Hellfeld" - also mit Taten, die tatsächlich bei der Polizei angezeigt wurden. Hier muss man berücksichtigen, dass manche Straftaten eher angezeigt werden als andere. So ist bei Straftaten, gegen die man sich versichern kann (etwa Einbruch oder Autodiebstahl), die "Dunkelziffer" niedrig. Bei Sexualdelikten, Missbrauch oder häuslicher Gewalt ist sie dagegen nach Ansicht von Kriminologen hoch.
Die Tatsache, dass die Zahlen bei manchen Delikten in der PKS steigen, bedeuten nicht zwangsläufig, dass es in diesem Bereich "schlimmer" geworden ist. Sondern bloß, dass in diesem Feld mehr Fälle von der Polizei bearbeitet wurden.
Das kann aber auch damit zusammenhängen, dass es mehr Polizisten gibt. Siehe NRW: Dort hat das Land zuletzt so viele Polizeibeamte eingestellt wie noch nie zuvor. Und dass mehr Polizisten mehr Arbeit erledigen und entsprechend die Fallzahlen steigen, klingt plausibel. So stellt die PKS für den Kriminologen Tobias Singelnstein auch lediglich einen "Tätigkeitsbericht der Polizei" dar.
Zudem steigt die Gesamtbevölkerung seit Jahren. Lebten 2014 laut Statistischem Bundesamt 81,2 Millionen Menschen in Deutschland, waren es zehn Jahre später 83,6 Millionen. Und mehr Menschen erhöhen nun mal die Wahrscheinlichkeit an Straftaten.
Unsere Quellen:
- Polizeiliche Kriminalstatistik 2024
- Analyse der Tagesschau
- Vorabbericht des "Spiegel"
- Nachrichtenagentur dpa
- WDR-Bericht zur Kriminalstatistik 2024 NRW
- Statistisches Bundesamt
- "Zeit"-Interview mit Tobias Singelnstein