
Arminia Bielefeld - von der Alm ins Café Europa und ab nach Berlin
Stand: 02.04.2025, 08:40 Uhr
Nach der Sensations-Leistung gegen Leverkusen ist ganz Bielefeld heiß auf das Pokalfinale in Berlin gegen den VfB Stuttgart - die wohl größte Nummer in der Vereinsgeschichte. Und für Trainer Kniat ein ganz besonderer Coup.
Von Olaf Jansen
Das Café Europa am Bielefelder Jahnplatz platzte in der Nacht nach dem Bielefelder Pokalcoup aus allen Nähten. Die Betreiber des Kult-Clubs hatten schon im Vorfeld des Halbfinals gegen Bayer Leverkusen zur After-Pokalparty eingeladen - und noch während des Spiels, als sich die Sensation abzeichnete, waren die restlichen Tickets ruckzuck vergriffen.
Dass die Spieler der Arminia zu später Stunde noch ins Lokal durften, versteht sich von selbst. Trainer Mitch Kniat hatte schon am ARD-Mikrofon gleich nach Abpfiff gespoilert, dass man ihn und seine Jungs in den nächsten Stunden genau dort antreffen würde. "Ich trinke sonst nicht mit der Mannschaft. Heute werde ich aber eine Ausnahme machen. Das Café Europa hat ja wieder geöffnet", so der Coach im Überschwang der Gefühle.
Enorme Energieleistung - Trainerverdienst?
Kann es einen schöneren Abend für einen Trainer geben? Die enorme Energieleistung, die seine Spieler über 90 aufregende Minuten auf den ramponierten Rasen der Alm brachten, war einfach beeindruckend. Biss und Leidenschaft und ungeheurer Mut im Offensivspiel - den spielstarken Leverkusenern wurde die Luft genommen: Ihr System wurde schlichtweg erdrückt. Keine Frage: So etwas kann nur mit einer funktionierenden Trainerleistung entstehen.
Kniat weiß das und genießt völlig zurecht die Genugtuung. "Ich hatte hier ja monatelang den Namen 'Kniat raus' - ich denke, das hat sich spätestens jetzt erledigt", so der 39-Jährige ganz offen am ARD-Mikrofon.
Kniat - Karriereschwung in Verl
Kniat, der in der Nähe Aachens aufgewachsen ist, war einst als eisenharter Verteidiger in dritten und vierten Spielklassen unterwegs, ehe er ab 2014 seine Trainerkarriere als Spielertrainer in der Bremenliga (5. Liga) begann. Es folgten ab 2017 fünf Jahre coaching im Nachwuchsteam des SC Paderborn, ehe er 2022 beim SC Verl einsprang und den Klub vor dem Abstieg aus der 3. Liga rettete. Das Bemerkenswerte: Kniat schaffte das, indem er dem abstiegsbedrohten Team ein gnadenloses Offensivspiel verordnete - eine mutige Sache.
Arminia Bielefeld, das seinerzeit einen Doppel-Abstieg aus der Bundesliga bis in die 3. Liga hinter sich hatte, blieb das nicht verborgen - man löste Kniat im Sommer 2023 aus dem laufenden Vertrag in Verl heraus. "Sein System mit viel Ballbesitz, hohem Pressing und offensiver Ausrichtung ist genau das, was Arminia jetzt braucht", begründete Sportdirektor Michael Mutzel den für Arminia nicht ganz billigen Wechsel.
"Kniat raus" nach schwierigen Monaten
Nun beginnt er sich - nach monatelanger Kritik am Coach - offenbar auszuzahlen. Bielefeld hat in der Liga noch Aufstiegschancen, im DFB-Pokal gelang dem Team ein schier unglaublicher Lauf. Nach Zweitligist Hannover 96 (2:0) wurden vier Bundesligisten ausgeschaltet: Union Berlin (2:0), SC Freiburg (3:1), Werder Bremen (2:1) und jetzt Leverkusen (2:1).
Die Arminia-Partynacht in Bildern
Nach dem 2:1-Sieg von Arminia Bielefeld im DFB-Halbfinale gegen Bayer 04 Leverkusen war Bielefeld im Ausnahmezustand.
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Vier Erstligisten hatte zuvor noch kein "kleiner" Verein in einer Pokalsaison aus dem Wettbewerb geworfen, als erst vierter Drittligist steht Bielefeld nach dem Triumph gegen die hochdekorierten Leverkusener am 24. Mai im Endspiel in Berlin gegen den VfB Stuttgart.
Enormer finanzieller Gewinn
Aber es ist nicht nur das Prestige, das der Arminia in diesen Tagen so gut tut. Auch der finanzielle Aspekt des Finaleinzugs ist nicht zu verachten. "Ich kenne die genauen Zahlen nicht, aber würde mal sagen: Das hilft dem Verein auch finanziell mittelfristig enorm weiter", sagt Kniat.
In Zahlen: Mindestens 2,88 Millionen Euro sind dem Fußball-Drittligisten sicher, bei einem Final-Triumph würden die Bielefelder sogar 4,32 Millionen kassieren. Hinzu kommen etwa 45 Prozent der Ticketeinnahmen aus dem Finale im Berliner Olympiastadion, wo knapp über 74.000 Zuschauer am 24. Mai erwartet werden.
Für einen Kaufrausch sorgen die Zusatzeinnahmen in Bielefeld aber wohl nicht. "Jeder denkt jetzt, wir nehmen das Geld und können es einfach ausgeben. Das ist aber nicht so", hatte Mutzel vor dem 2:1 gegen Leverkusen gesagt. Der Halbfinal-Einzug hatte dem Club schon rund 6,5 Millionen Euro allein an DFB-Prämien beschert.
Mutzel: "Extrem viele Altlasten übernommen"
Der 45-Jährige erklärte: "Wir haben extrem viele Altlasten übernommen. Das sind zum Beispiel Transferverbindlichkeiten und andere Verbindlichkeiten. Uns geben die Prämien aus dem Pokal extrem viel Luft zum Atmen. Aber wir haben das Geld nicht auf der hohen Kante."
Der Drittligist sei durch den Wettbewerb jetzt "deutlich gesünder" als noch vor einem Jahr. "Wir haben das Geld genutzt, um viele Probleme zur Seite zu schieben", sagte Mutzel. Falls die Arminia in Berlin die ganz große Sensation schafft und den DFB-Pokal gewinnt, wäre das Team von Mitch Kniat sicher für die Ligaphase der Europa League qualifiziert. Und Mutzel hätte finanziell noch mehr Spielraum.