Zu wenig Therapieplätze für Sexualstraftäter

Stand: 04.04.2025, 13:07 Uhr

Verurteilte Sexualstraftäter kommen oft nur unter der Bedingung frei, dass sie eine Therapie machen. Doch für diese Therapieplätze gibt es in NRW erschreckend lange Wartelisten. So sind Täter frei – ohne Therapie. Die Landesregierung hat die Finanzmittel in diesem Bereich nun noch gekürzt.

Von Anne BielefeldFelix Mannheim

Jörg ist verurteilter Sexualstraftäter. Der 67-jährige hatte sich jahrelang Bilder von missbrauchten Kindern besorgt. Die Polizei kam ihm im Netz auf die Schliche. Es gab eine Hausdurchsuchung. 2022 dann die Verurteilung: Fünf Jahre Haft auf Bewährung. Die gilt noch zwei Jahre. Im Interview mit dem WDR möchte Jörg anonym bleiben. Der 67-jährige heißt eigentlich anders.

Hilfe durch Therapie

Ein Mann schaut auf einem Bildschirm Fotos von Kindern an | Bildquelle: WDR

Das Einzige, das ihm geholfen habe, sei die Therapie bei der "Brücke" in Dortmund gewesen, sagt Jörg. Der Verein ist auf die Behandlung von Sexualstraftätern spezialisiert. Jörg hat über mehrere Jahre einmal pro Woche an einer Gruppensitzung teilgenommen, zusammen mit anderen Sexualstraftätern. Die meisten kommen nicht freiwillig. Täter sind per Gerichtsbeschluss dazu verpflichtet, eine Therapie zu machen. Eine Behandlung kann das Risiko, wieder straffällig zu werden, reduzieren. Das belegen mehrere Studien.

Das Leid der Opfer verstehen

Jörg sagt, er habe erst während der Therapie erkannt, was die Herstellung der Bilder für die Opfer bedeutet: "Jeder hat seine Geschichte, um sich das schönzureden. Meine Geschichte war, dass ich mir nie Gewaltbilder angeguckt habe, sondern immer nur Sachen, wo ich den Eindruck hatte: die Jungs hatten ja Spaß." Der Rentner hat seinen Alltag verändert. Er versucht, sich viel zu beschäftigen, singt im Chor und fährt viel Fahrrad, sagt er.

Er vermeidet die Situationen, in denen er früher den Rechner anmachte. Das ist ein Ziel der Therapeuten bei der "Brücke": die Lebensumstände der Täter so zu verändern, dass es keine weiteren Opfer gibt. "Eine Therapie ist aus meiner Sicht alternativlos", sagt Therapeut Volker Schattenberg. "Aus unserer Sicht betreiben wir massiven Opferschutz."

Wenige Einrichtungen, lange Wartelisten

150 verurteilte Sexualstraftäter werden derzeit bei der "Brücke" in Dortmund behandelt. Rund 120 warten jedoch auf einen Platz. Insgesamt gibt es nur noch sechs Einrichtungen in NRW, die überhaupt Sexualstraftäter ambulant therapieren. Zwei in Düsseldorf, jeweils eine in Bielefeld, Münster, Duisburg und Dortmund. Bei allen gibt es mehr Anfragen als Plätze.

Volker Schattenberg arbeitet bei "Die Brücke Dortmund e.V." mit Sexualstraftätern | Bildquelle: WDR

Nach Angaben der Träger warten zurzeit mindestens 500 Täter auf den Beginn ihrer Therapie. Oft dauere es mehr als ein Jahr, bis es losgeht. Das sei dramatisch, vor allem in Hinblick auf den Opferschutz, sagt Volker Schattenberg von der "Brücke". Dazu komme der Fachkräftemangel. Vor allem deswegen mussten zwei Einrichtungen in Köln und Wuppertal im vergangenen Jahr schließen.

Fördermittel gestrichen

Nach dem Wegfall der Einrichtungen hat das zuständige NRW-Justizministerium die finanzielle Förderung für die ambulante Sexualstraftätertherapie um fast ein Viertel gekürzt, von 916.000 Euro auf 700.0000 Euro. Das hat Einrichtungen wie die "Brücke" überrascht. Auch die Oppositionsparteien von FDP und SPD in NRW sehen das kritisch.

Die Finanzierung der Therapie-Träger müsste eher grundsätzlich verbessert werden, sagt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der SPD, Lisa Kapteinat. Es brauche eine dauerhafte Förderung statt immer nur Projektmittel. Marc Lürbke von der FDP erinnert an den Koalitionsvertrag. Darin hatte die Landesregierung noch versprochen, Therapieplätze auszubauen.

NRW-Justizminister weiß nichts von Wartelisten

NRW-Justizminister Benjamin Limbach (B‘90/Grüne) rechtfertigt die Kürzungen bei der ambulanten Sexualstraftätertherapie. Alle von den Einrichtungen beantragten Gelder seien ausgezahlt worden. Wartelisten seien ihm nicht bekannt. Das Ministerium versuche gerade, sich da einen genaueren Überblick zu verschaffen.

NRW-Justizminister Dr. Benjamin Limbach | Bildquelle: WDR

Die Westpol-Recherche legt nahe, dass die grundsätzlichen Probleme der Träger von ambulanter Therapie für Sexualstraftäter und die langen Wartelisten im Ministerium noch nicht angekommen sind. Offenkundig besteht bei der Kommunikation zwischen Justizministerium und den Therapie-Trägern Nachholbedarf.

Immer mehr Sexualstraftäter

Die aktuelle Kriminalstatistik ist besorgniserregend. Bei den Sexualdelikten gibt es bundesweit wieder einen Anstieg, im Vergleich zum Vorjahr um mehr als neun Prozent. Das sind nur die angezeigten Fälle. Eine ausreichende Behandlung der Täter sei auch ein wichtiges Signal den Opfern gegenüber, sagt Therapeut Mike Clausjürgens.

Mike Clausjürgens, Leiter der Ambulanz für Kinderschutz im Rhein-Kreis Neuss | Bildquelle: WDR

Er leitet die Ambulanz für Kinderschutz im Rhein-Kreis Neuss. Insgesamt werden in der Region derzeit mehr als 800 Kinder und Jugendliche behandelt, weil sie sexuell missbraucht worden sind. So viele wie nie. Die Politik sei gefordert, die Sicherheit in der Gesellschaft zu erhöhen, statt bei Therapie und damit Prävention zu sparen, sagt Mike Clausjürgens.

Über dieses Thema berichten wir auch in der Sendung "Westpol" im WDR-Fernsehen am 06.04.2025 um 19:30 Uhr.

Unsere Quellen:

  • Justizministerium NRW
  • Private Träger mit entsprechenden Therapieangeboten
  • Polizeiliche Kriminalstatistik 2024
  • Eigene Recherche