Manche Hebammen fürchten neue Vergütungsregeln

Stand: 02.04.2025, 10:00 Uhr

Eine Schiedsstelle berät über mehr Geld für Hebammen. Eine Gruppe fürchtet aber Verluste. Unterstützung kommt aus der NRW-Politik.

Von Philip Raillon

Seit anderthalb Jahren arbeitet Rebekka Sanne im Marienhospital in Bonn als Hebamme. Sie ist dort mehrfach die Woche - und trotzdem selbstständig. Sanne ist Freiberuflerin. Genauer: Dienst-Beleghebamme. Zusammen mit 31 Kolleginnen hält sie den Kreissaal des Marienhospitals am Laufen. Festangestellte Hebammen gibt es dort nicht mehr.

Sanne und ihr Team übernehmen die Organisation, die Dienste und die Bereitschaften. Ob das Modell auch künftig funktioniert, sei aber fraglich. Grund dafür sind Streitigkeiten über die Hebammenvergütung. Am Mittwoch trifft sich die Schiedsstelle. Die könnte zwar für mehr Geld sorgen, die Dienst-Beleghebammen könnten aber Einnahmen verlieren.

Viele Klinken haben auf Dienst-Beleghebammen umgestellt

it einem Maßband misst eine Hebamme den Symphysen-Fundus-Abstand bei einer schwangeren Frau. | Bildquelle: WDR/dpa/Annette Riedl

Das Modell "Dienst-Belegsystem" gibt es bundesweit an vielen Krankenhäusern. In NRW wird es etwa im St. Vincenz-Krankenhaus in Datteln und im Bensberger Vinzenz Palotti Hospital in Bergisch-Gladbach praktiziert. Es ist eine Möglichkeit, große Personallücken dauerhaft zu stopfen. Die Freiberuflerinnen sind flexibler, nicht an feste Arbeitszeiten gebunden. Das macht es für Hebammen oft attraktiver, als sich in einer Klinik anstellen zu lassen.

Bislang rechnet sich das Modell. Unter anderem, weil die Hebammen mehrere Schwangere parallel betreuen können - und das auch anteilig abrechnen. "Ich stehe nicht die ganze Zeit neben einer Frau, die Wehen hat. Und kann natürlich nebenher auch zu einer anderen Frau gehen. Sie fragen, wie es ihr geht, sie untersuchen", sagt Rebekka Sanne.

Hebammen sind seit Jahren nicht sonderlich gut bezahlt. Für freiberufliche Hebammen gab es etwa seit Jahren keine Vergütungsanhebung. Die Berufsverbände konnten sich mit dem Spitzenverband der Krankenkassen, dem GKV, nicht einigen. Das lag wohl auch daran, dass die beiden Berufsverbände nicht an einem Strang zogen und viele Hebammen überhaupt nicht organisiert sind.

Schiedsstelle wurde nach gescheiterten Verhandlungen eingeschaltet

Nun soll die gemeinsame Schiedsstelle der Berufsverbände und der Krankenkassen entscheiden. Sie trifft sich am Mittwoch. Nach den Verhandlungen zeichnet sich ab, dass es zwar mehr Geld geben könnte.

Allerdings gilt das nur für die Eins-zu-Eins-Betreuung, nicht aber für Mehrfachbetreuungen. Die Sätze für diese könnten sogar sinken. Doch von denen leben die Dienst-Beleghebammen. "Das würde Einbußen von bis zu dreißig Prozent bedeuten", sagt Rebecca Sanne.

Der Deutsche Hebammenverband (DHV) hatte sich zunächst für eine einjährige Testphase eingesetzt. Da hätten die Krankenkassen nicht mitmachen wollen. Ob das stimmt, bleibt offen: die Krankenkassen wollen im laufenden Schiedsverfahren nichts sagen. Nur so viel: Eine Einigung gebe es hoffentlich schnell und führe zu beserer Bezahlung für die Hebammen.

Verband: Finanzielle Lage für manche Hebammen schon jetzt dramatisch

Auf die hofft auch der Hebammenverband - mit gutem Ausgang für alle Hebammen. Im Verband sind etwa 20 000 Hebammen organisiert. "Wir haben Kolleginnen, die nicht mehr können. Wir haben Kolleginnen, die sich einen Zweitjob bei Aldi oder Lidl suchen", sagt DHV-Beirätin Ursula Jahn-Zöhrens. Doch die Zeichen stünden eher schlecht, vor allem für die Dienst-Beleghebammen.

Sollte ihr Abrechnungssystem künftig nicht mehr lukrativ sein, könnten im Kreissaal des Bonner Marienhospitals die Lichter ausgehen, befürchtet Rebekka Sanne. Fast die Hälfte der 32 Hebammen aus ihrer Partnerschaft überlegten, dann aufzuhören. Für Schwangere würde das eine schlechtere Versorgung bedeuten. Die Klinik will sich dazu noch nicht äußern.

NRW-Politik warnt vor Kahlschlägen in Kreissälen

Susanne Schneider | Bildquelle: WDR/privat

Die Sorge scheint aber nicht unbegründet zu sein. Warnende Stimmen kommen aus der NRW-Landespolitik. "Es droht ein Kahlschlag bei der Dienstbelegschaft. Das würde massive Versorgungslücken reißen – auch in NRW", warnt FDP-Gesundheitspolitikerin Susanne Schneider. Davon könne vor allem der ländliche Raum betroffen sein.

Eine bessere Vergütung sei wichtig, unterstreichen auch die Grünen im Landtag. Nur so könne der Hebammenjob attraktiv bleiben. "Das ist Voraussetzung, um die freie Wahl des Geburtsorts zu ermöglichen", sagt Grünen-Politikerin Meral Thoms. Die Düsseldorfer SPD-Fraktion hofft derweil auf eine gemeinsame Lösung zwischen Hebammen und Krankenkassen.

NRW-Gesundheitsministerium setzte zuletzt auf Hebammenkreissäle

Auf die verweisen jeweils auch das Landes- und Bundesgesundheitsministerium. Hebammenverbände und Krankenkassen müssen die Vergütung alleine regeln, die Politik könne sich da nicht einschalten.

Die Warnungen der Dienstbeleghebammen dürfte das NRW-Ministerium trotzdem wahrnehmen. Seit einigen Jahren fördert es Hebammenkreissäle. Also ein Konzept, bei dem vor allem Hebammen die Gebursthilfe übernehmen und Ärzte bei medizinischen Problemen unterstützen. In manchen NRW-Kliniken setzen dieses Konzept bereits die nun unter Druck stehenden Dienstbeleghebammen um.

Quellen:

  • Eigene WDR-Recherche
  • WDR-Anfragen
  • WDR-Interviews mit Betroffenen

Über dieses Thema berichtet der WDR am Mittwoch (02.04.2025) auch im Hörfunk auf WDR 5.