Miljenko Jergović: Das verrückte Herz. Sarajevo Marlboro remastered
Aus dem Kroatischen von Brigitte Döbert.
Suhrkamp, 2024.
304 Seiten, 25 Euro.
Wann genau fängt ein Krieg an? Mit dem ersten Schuss, der fällt? Mit einer offiziellen Kriegserklärung? Würde man die verschiedenen Erzähler in Miljenko Jergovićʼ Geschichten aus dem belagerten Sarajevo fragen, würde jeder eine andere Antwort geben. Für den Malermeister Pero beginnt der Krieg, als niemand mehr seine Wohnung streichen lässt und er fortan stattdessen auf Dächer steigt, um zerschossene Ziegel auszutauschen.
Für den Straßenbahnfahrer Ante ist erst richtiger Krieg, als die Straßenbahnen in Sarajevo nicht mehr nach Fahrplan unterwegs sind. Und für den alten Oboisten, der noch immer auf Honorarbasis mitspielt, weil in Sarajevo niemand sonst dieses Instrument beherrscht, fängt der Krieg an, wenn sich Musiker und Publikum an den Klang eines verstimmten Orchesters gewöhnt haben. Oder anders gesagt: Krieg ist dann, wenn der normale Gang der Dinge außer Kraft gesetzt ist. Und wenn die Menschen sich an alles klammern, was wie Normalität wirkt inmitten des grausamen Geschehens:
"Wenn am frühen Morgen mit den ersten, noch fernen Granaten auf der Straße Meister Hajro, eine Hand im grauen, wie zu Friedenszeiten gebügelten Sakko, mit weißem Hemd und Krawatte still und leicht wie ein Schatten vorbeiläuft, kehren die Dinge in unserer Stadt an ihren angestammten Platz zurück. Auch in der Abenddämmerung, wenn außer den Patrouillen, die Menschen zum Ausheben der Schützengräben abfangen, nur noch welche mit bösen Absichten, Schmuggler und Mütter auf der Suche nach ihren verlorenen Söhnen unterwegs sind, und Hajro, der mit bürgerlich-grauem Sakko, weißem Hemd und seiner roten Kongresskrawatte vorübergeht, wird den Leuten leichter ums Herz, weil sie das Gefühl haben, die Dinge kehrten an ihren angestammten Platz zurück."
Meister Hajro repariert Radio- und Fernsehgeräte, aber seine regelmäßigen Gänge durch die Stadt sind nicht beruflich bedingt, sondern der Kleptomanie seiner Frau geschuldet: Sie kann nicht anders als ständig irgendwo etwas mitgehen zu lassen, und er bringt das Diebesgut am nächsten Tag stets den Besitzern zurück. Doch statt sich zu empören, freuen sich die Leute über seinen Anblick, denn dann wissen sie: Sie sind am Leben. Und als eines Tages seine Werkstatt von einer Granate getroffen wird, bleibt er verschont, weil er gerade wieder in Rückgabeangelegenheiten unterwegs ist. Schreckliche 1425 Tage dauerte die Belagerung Sarajewos durch serbische Truppen, von April 1992 bis Ende Februar 1996, und nach offiziellen Angaben fielen den Kämpfen rund 10 000 Menschen zum Opfer. Durch Artilleriebeschuss, Minen oder die berüchtigten Scharfschützen wurden rund 50 000 Menschen teilweise schwer verletzt. Miljenko Jergović hat den Kriegsausbruch selbst miterlebt und schon in der ursprünglichen Ausgabe von „Sarajevo Marlboro“ eine Erzählung darüber geschrieben. Und auch mehr als dreißig Jahre später weiß er noch genau, wie das für ihn damals anfing, im Frühjahr 1992:
"Ich habe mir den Moment gut gemerkt, denn der hatte es in sich. Wie sonst nur am 29. November, dem Tag der Republik, … zerrissen wie auf Anordnung eines diensthabenden Offiziers um die Mittagszeit des 2. Mai, ein heiterer, sonniger Tag und traditionell ein Feiertag, fünf bis sechs Explosionen gleichzeitig die Luft. Die Granaten müssen ganz in der Nähe eingeschlagen sein, wahrscheinlich bei der Hauptpost. Anschließend barsten Fensterscheiben und man hörte Glasscherben rieseln, eine laute Männerstimme fluchte, aus Kalaschnikows wurden Salven abgegeben, dann rasten Detonationen quer durch die Stadt. Wir saßen im Café des Hotel Beograd …. Vor mir stand halb ausgetrunken ein doppelter Espresso und eine Coca-Cola."
Kompositorisch orientiert sich die "remasterte" Version des Erzählbands von 1994 am Original: 27 Geschichten aus dem belagerten Sarajevo, erzählt von verschiedenen Stimmen, werden gerahmt von einem Prolog mit dem Titel "Unumgängliches Detail der Biografie" und einem Epilog, der danach fragt, wer Zeugnis ablegen wird von den Ereignissen.
Ansonsten aber handelt es sich um zwei völlig eigenständige Erzählbände, die beide denselben Stoff zum Thema haben: Wie erleben die ganz normalen Menschen den Alltag des Krieges in der belagerten Stadt? Und wie lernen sie, mit dem Schrecken ringsum zu leben, ohne verrückt zu werden?
Damals, 1994, war der Krieg noch im Gange, als Jergović davon erzählte; heute ist er scheinbar lange her, und doch sind die hier präsentierten Geschichten von einer Intensität, die zeigt: Diese Erfahrung wird, wer sie hautnah miterlebt hat, nie wieder los. Und keiner kann so empathisch, feinsinnig und bewegend davon erzählen wie Miljenko Jergović.